* PAROISSE PROTESTANTE DE BITCHE * CONSISTOIRE DE NIEDERBRONN-LES-BAINS
Vom Sinn des Älterwerdens

Ein anderer wird dich gürten

- Über die Kunst des Älterwerdens -

'Ein anderer wird dich gürten'.

 

Jesus sagte einmal zu Petrus: "Ich sage dir: Als du noch jung warst, hast du dich selbst gegürtet und konntest gehen, wohin du wolltest. Wenn du aber alt geworden bist, wirst du deine Hände ausstrecken, und ein anderer wird dich gürten und dich führen, wohin du nicht willst" (Jo 21,18).  Jeder wird eines Tages schmerzlich erfahren, dass er nicht mehr gehen kann, wohin er will. Wir leben in einer Kultur, in der 'jung sein' verherrlicht wird. Jeder fühlt sich verpflichtet, jung zu bleiben. Alter erhält wenig Verständnis und Unterstützung. Doch unser menschliches Leben ist ein dauerndes Werden. Ziel ist es, zur Fülle voranzuschreiten, und die reife Frucht des Lebens zu ernten. Wer ewig jung bleiben will, verweigert die Reife.
Das gilt auch dann noch, wenn die Körperkräfte nachlassen, wenn Hören und Sehen eingeschränkt werden. Gerade dann stellt sich die Frage nach dem Sinn des Lebens in entscheidender Weise neu. Das Durchleben von Krankheit kann zu einer neuen Begegnung mit sich selber führen und zu einem ganz neuen Offensein für Gott und die Mitmenschen. Reifen durch Leid, ist das möglich? Die eigentliche Reife des Menschen beginnt tatsächlich dann, wenn er sich nur noch in das fügen kann, was ihm beschieden ist.
 
'Gehen, wohin du nicht willst ...'
 
Wenn wir erst einmal die neuen Möglichkeiten entdecken, die nur das reife Alter zu geben vermag, dann wird diese Zeit nicht ein passives Dahindämmern, sondern die Erfüllung menschlicher Existenz. Gerade dann, wenn dem Menschen die Initiative des Handelns aus der Hand genommen wird, ereignet sich oft das Eigentliche im Leben. Er kann dann nur noch sagen: 'Dein Wille geschehe' und das gibt dem Meisel Gottes freie Hand, um uns die letzte Formung zu geben. Gott macht uns in dieser Zeit noch einmal ein Angebot, mit ihm in eine tiefe Gemeinschaft einzutreten. Einfach nur da sein. Ängste, Gedanken und alles, was uns treibt, loslassen. Da sein in Wohlwollen und Liebe für unsere Umgebung. Die Effektivität unseres Lebens liegt nicht mehr so sehr in der Leistung, sondern in der wohlwollenden Präsenz. Wohlwollen und Liebe strömen lassen, das ist dann unsere eigentliche Aufgabe. Wir müssen nichts vorweisen, wenn wir sterben. Das göttliche Leben in uns ist der Adel, auf den wir bauen können. Eckehart kann daher predigen: "Man gedenke nicht Heiligkeit zu gründen auf ein Tun, man soll Heiligkeit vielmehr gründen auf ein Sein, denn die Werke heiligen nicht uns, sondern wir sollen die Werke heiligen."

'Ein anderer wird dich führen ...'

 Wir sind dem Schicksal nicht einfach ausgeliefert. Der Tod ist ein ebenso wichtiges Ereignis wie das Geborenwerden. Vielleicht kommen wir als Menschen einmal so weit, dass wir unseren Tod feiern können wie unsere Geburt. Es schließt sich nicht ein Tor, wenn wir gehen, es öffnet sich ein Tor. Wir sollten also auf das Neue schauen, das vor uns liegt. Nicht wir haben uns diesen Platz auf Erden ausgesucht, diese Urwirklichkeit Gott hat ihn ausgesucht, um sich in dieser unserer Gestalt zu verwirklichen. Unser Aufenthalt hier auf dieser Erde ist ein Akt Gottes. Es ist nicht unser Spiel, das wir hier spielen. Es ist das Spiel Gottes, das er als diese ‚Figur’ spielt.

'Du wirst deine Hände ausstrecken ...'

 Du brauchst keineAngst zu haben. Strecke deine Hände aus. Du bist geführt. Die Angst, die oft nach älteren Menschen greift, kann auch eine positive Wirkung haben. Angst kann zur heilsamen Erfahrung der Wahrheit über die Begrenztheit und Sterblichkeit des Ich werden. Streck deine Hände aus! Da ist einer, dem du die Hände hinstrecken kannst. Er wird dich führen.

Aussöhnung mit unserem Leben.

 Aussöhnung ist nicht leicht. Es bedeutet ‚ja’ zu sagen zu Schmerz, zu Demütigung, zu Ungerechtigkeit, die mir angetan wurden. Die alten Verletzungen kommen noch einmal hoch. Eine Therapie kann helfen, Verletzungen zu erkennen und zu deuten. Heilung geschieht jedoch nur durch Aussöhnung mit sich selber. Rückblickend mag unser Leben einem Zickzackweg gleichen, doch vielleicht können wir nun dankbar entdecken, dass dies der Weg nach oben auf den Gipfel Gott war. Heilswege führen durch ein Labyrinth. Manche Biegung geht nach außen und scheint von der Mitte wegzuführen. Wer jedoch auf dem Weg bleibt, erreicht das Zentrum und erkennt am Ende alle Biegungen und Windungen als Wandlungsprozesse.

Wenn ich mich jetzt ganz auf diesen Grund einlasse, mich jetzt an den lebendigen Gott halte, der in mir über diese Erde geht, dann brauche ich mich nicht zu sorgen, was nach dem Tod geschieht. Das Eine wird auch der Grund eines neuen Lebens sein, ganz gleich in welcher Form es weitergehen wird. Ob von dieser Individualität, die ich jetzt habe, etwas mit hinübergeht, braucht mich nicht zu kümmern. Ich bin hinein genommen in die göttliche Wirklichkeit. Ich lebe im Jetzt Gottes. Am Ende haben wir nur eines zu tun: loszulassen. Was wir zutiefst sind, kennt den Weg und wird sich offenbaren als das Eine, das keine Teilung kennt.

'Sorgt euch nicht um den morgigen Tag'.

 Ein Japaner wurde von einem Missionar gefragt, was ihn denn veranlasst habe, Christ zu werden. Ohne Zögern antwortete er: "Die Stelle der Bergpredigt: 'Sorgt euch nicht um euer Leben und darum, dass ihr etwas zu essen habt, noch um euren Leib und darum, dass ihr etwas anzuziehen habt'. (Matthäus 6,25) Als ich las, dass Gott sich auch um die Vögel des Himmels und die Lilien auf dem Feld kümmert, fühlte ich mich plötzlich befreit von allen Ängsten.“

Das wünsche ich euch zu eurem nächsten Geburtstag.

W. Jäger.

 

 

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